Dekolonialisierung

Der Schweizer Geologe und ETH-Dozent Arnold Heim mit dem Geometriker Suriadi auf Forschungsexpedition durch Sumatra
Der Schweizer Geologe und ETH-Dozent Arnold Heim mit dem Geometriker Suriadi auf Forschungsexpedition durch Sumatra, 1928. ETH-Bibliothek, Bildarchiv, DOI: 10.3932/ethz-a-001244727

Obwohl die Schweiz nie eine Kolonialmacht war, sind ihre Vergangenheit und Gegenwart in vielerlei Hinsicht mit der Kolonialzeit verflochten. Schweizer Unternehmen waren im kolonialen Rohstoffhandel tätig, Banken und Versicherungen beteiligten sich am transatlantischen Sklavenhandel. Auch Forschende aus der Schweiz, viele davon von der ETH Zürich, nutzten die Infrastrukturen und asymmetrischen Machtverhältnisse der benachbarten Kolonialmächte, um ihre Forschungskarrieren voranzutreiben und Vergleichsmaterial aus aller Welt zu sammeln.

Das schlägt sich nicht zuletzt in den an der ETH Zürich vorhandenen Denkmälern sowie in ihren Sammlungen und Archiven nieder. Schriftliche und fotografische Nachlässe individueller Forschungsreisender sowie botanische, geologische oder entomologische Präparate aus kolonialen Kontexten zeugen von Schweizer Beteiligungen an der kolonialen Wissensproduktion. Die Sammlungen und Archive setzen sich zum Ziel, an aktuelle Dekolonisierungsdebatten anzuschliessen und eine aktive Haltung und Rolle im Umgang mit ihren kolonialen Beständen zu entwickeln.

Laufende Aktivitäten

In und an den Gebäuden der ETH Zürich befinden sich über hundert Denkmäler und Büsten, mit denen seit der Gründung der Hochschule an Personen aus dem In- und Ausland gedacht wird. Sie sind im Kunstinventar der ETH Zürich erfasst. Als ersten Schritt einer aktiven und kritischen Auseinandersetzung mit dieser Erinnerungskultur der Hochschule erstellten Ende 2022 Dr. Monika Gisler und Lina Gisler im Auftrag der Kommission KUNST AM BAU die Vorstudie «externe SeiteDenkmäler der ETH Zürich».

Der Befund ist eindeutig: «Rund zwei Drittel der untersuchten Personen äusserten sich in irgendeiner Form rassistisch, sexistisch oder antisemitisch, profitierten von Kolonialismus oder trugen mittels ihrer Schriften zu dessen Legitimierung bei.» (S. 18). Zu den Empfehlungen der Studie gehört, die betreffenden Denkmäler/Büsten zu kontextualisieren, um die Verflechtungen sichtbar zu machen. Die entsprechende Umsetzung erfolgt 2024 sowohl analog wie auch digital: Beschilderungen vor Ort geben Hintergrundinformationen, zudem werden die Angaben auch in die Datenbank des Kunstinventars aufgenommen und online gestellt.

Zwecks vertiefter Beschäftigung mit der eigenen Praxis der Erschliessung und Präsentation kolonial geprägter Bestände wurde im August 2023 die Arbeitsgruppe Dekolonialisierung gegründet. Ihr gehören Mitarbeitende unterschiedlicher Sammlungen und Archive der ETH Zürich an. Sie beschäftigt sich u. a. mit:

  • der Analyse der eigenen Bestände und der Identifikation von Problemfeldern,
  • dem Umgang mit problematischen Begrifflichkeiten unter Einbezug verschiedener Anspruchsgruppen und
  • der Ableitung von Massnahmen und Empfehlungen.

Ab Augst 2024 wird in extract eine von Monique Ligtenberg kuratierte Wechselausstellung zum Thema «Kolonialismus in den ETH Sammlungen» zu sehen sein. Ergänzend zur kommenden Ausstellung «externe Seitekolonial. Globale Verflechtungen der Schweiz» im nahe gelegenen Landesmuseum Zürich, setzt die Ausstellung an der ETH Zürich folgende Schwerpunkte:

  • Rolle von kolonialen Kontexten in der Geschichte der ETH, ihrer Sammlungen, ihrer Forscher:innen und in den Naturwissenschaften im Allgemeinen
  • Gegenwärtige Kontinuitäten dieser historischen Verflechtungen
  • Übergreifend: Indigenes Wissen und Akteure

Kontakt

Michael Gasser
Leitung Sammlungen und Archive
  • +41 44 632 21 82
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