Die Frau mit der Blutgruppe F

Nicole Seitz hat ihren Traumjob gefunden: Als stellvertretende Kommandantin der Betriebsfeuerwehr am Unispital Zürich 
kann sie so richtig anpacken. Die ETH-Alumna ging unbeirrt ihren Weg – auch wenn dieser nicht ganz gradlinig war.

Nicole Seitz
«Wenn der Pager klingelt und ich aus dem Bett springe, bin ich voller Adrenalin.» (Bild: Annik Ramp)

Wenn am Universitätsspital Zürich ein Brand ausbricht, ein Abfallsack mit infektiösem Inhalt aufplatzt oder aus einer Versorgungsleitung ätzende Natronlauge ausläuft, ist Nicole Seitz zur Stelle. Die 42-Jährige ist stellvertretende Kommandantin der Betriebsfeuerwehr. Sie koordiniert die Einsätze der rund 35 Mitglieder – alles Spitalangestellte, von der Reinigungskraft bis zum Doktor der Elektrotechnik. «Mit so unterschiedlichen Leuten zusammenzuarbeiten, finde ich sehr bereichernd», sagt Seitz. Die Feuerwehrfrauen und -männer müssen nicht nur Brände löschen können, sondern auch den Umgang mit chemischen, biologischen und radio­aktiven Gefahrenstoffen beherrschen. Als Ausbildungschefin führt Seitz regelmässig Übungseinsätze und Schulungen durch.

Die Feuerwehr macht allerdings den kleineren Teil ihrer Arbeit aus. Sie ist hauptsächlich angestellt als Sicherheitsbeauftragte und sorgt dafür, dass die Sonderabfälle des Spitals fachgerecht entsorgt werden: gebrauchte Kanülen, menschliches Gewebe aus Operationen, Chemikalien aus den Forschungslaboren. Die Arbeit umfasst viele organisatorische und administrative Aufgaben. Auch wenn ihr die Kopfarbeit Spass macht, könnte sie sich doch nicht vorstellen, ausschliesslich am Schreibtisch zu sitzen. Die Feuerwehr ist für sie der perfekte Ausgleich: «Da kann ich auch mal mit grobem Gerät hantieren.»

Ihrer grossen Leidenschaft geht sie nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in der Freizeit nach: als Offizierin bei der freiwilligen Feuerwehr Rümlang. «Ich habe eben Blutgruppe F, wie Feuerwehr», scherzt Seitz. Sie kann jederzeit zu einem Einsatz gerufen werden, auch nachts und am Wochenende. «Wenn der Pager klingelt und ich aus dem Bett springe, bin ich voller Adrenalin.»

Manche Einsätze sind belastend, etwa bei Unfällen mit Toten und Verletzten. «Ich erlebe aber auch viele schöne Dinge, die ich sonst verpassen würde», sagt sie. Zum Beispiel wurde sie einmal abends zu einem Einsatz gerufen, bei dem sie und ihre Kollegen einen umgestürzten Baum von der Strasse räumen mussten. Nachdem sie fertig waren, zeigte ein Anwohner ihnen etwas, das Seitz noch nie gesehen hatte: Unzählige Glühwürmchen irrlichterten durch die Nacht. «Wir standen in voller Montur da und bestaunten das Schauspiel», erinnert sie sich. Wenn die Anspannung nach dem Einsatz nachlässt, nimmt sie die Welt intensiver wahr. «Das sind Momente, die einem wirklich bleiben.»

Weg aus der Lebenskrise

Nicole Seitz wuchs in Gams auf, einem kleinen Dorf im Sankt Galler Rheintal. Nach der Matur ging sie als Wochenaufenthalterin nach Zürich und begann ein Chemiestudium an der ETH. Die Wochenenden verbrachte sie nach wie vor zuhause. Doch es gab Spannungen, was nicht nur damit zu tun hatte, dass Seitz eine Partnerin hatte, sondern dass ihre Eltern generell eine andere Vorstellung davon hatten, wie das Leben ihrer Tochter aussehen sollte. «Ich fühlte mich aufgerieben zwischen Elternhaus, Partnerschaft und Studium», sagt sie. Ihr wurde alles zu viel: Sie beschloss nach zwei Jahren, das Chemiestudium abzubrechen und sich erst einmal einen Job zu suchen, um finanziell unabhängig zu sein.

Sie zog von zuhause aus und fand in Zürich Arbeit als Callcenter-Mitarbeiterin bei der Telekommunikationsfirma Diax. Schon nach einem halben Jahr wurde sie befördert und kümmerte sich nun um die Einsatzplanung der Mitarbeitenden. Gleichzeitig wurden ihr einfache IT-Aufgaben übertragen. Daneben brachte sie sich selbst das Programmieren bei. «So bin ich in die IT hineingerutscht», sagt Seitz. Als Diax mit Sunrise fusionierte, verliess sie die Firma und arbeitete bei verschiedenen Unternehmen als System­administratorin. 

Schliesslich landete sie bei der UBS und wurde dort Applikationsentwicklerin für Grossrechnersysteme. «Das war ziemlich anspruchsvolle Denkarbeit», sagt sie. Diese machte ihr zwar Spass, war aber auch repetitiv: «Ich begann, mich zu langweilen.» Nach sechs Jahren bei der UBS zog sie Bilanz. Ihr wurde klar, dass sie weit von ihrem ursprünglichen Ziel, zu studieren, abgekommen war. «Es war Zeit, mein Leben zu ändern und Richtung ETH-Abschluss zu marschieren.»

Zur Person

Nicole Seitz (42) ist stellvertretende Kommandantin der Betriebsfeuerwehr und Sicherheitsbeauftragte am Universitätsspital Zürich. Sie arbeitete als Systemadministratorin und Programmiererin in verschiedenen Firmen, bevor sie mit 32 Jahren ein Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH begann. Nach dem Abschluss war sie kurze Zeit als Beraterin im Energiebereich tätig. Seitz engagiert sich in der Freiwilligen Feuerwehr Rümlang und lebt mit ihrer Partnerin in Zürich-Affoltern.

Pickelhartes Studium

Sie kündigte ihre Stelle und begann im Alter von 32 Jahren wieder an der ETH zu studieren. Statt ihr früheres Chemiestudium fortzusetzen, entschied sie sich jedoch für die Umweltnaturwissenschaften. Da das Stu­dium sehr breit angelegt ist und neben Chemie auch Biologie, sozialwissenschaftliche Fächer und Technik umfasst, entsprach es stärker ihren Interessen. «Ich bin mehr Generalistin als Spezialistin», sagt Seitz.

Es 
gefiel ihr, interdisziplinär zu denken und komplexe Umweltthemen zu bearbeiten, beispielsweise Mobilitätskonzepte zu erar­beiten. Ans Lernen musste sie sich aber sich erst wieder gewöhnen: «Es war pickelhart.» Im ersten Semester sass sie jeden Tag bis zehn Uhr abends über den Büchern. Mit der Zeit lernte sie, Prioritäten zu setzen und auch mal Lernstoff wegzulassen. Das war nötig, da sie nebenher arbeitete, um sich das Studium zu finanzieren. Ausserdem engagierte sie sich bei der freiwilligen Feuerwehr, der sie schon 2003 beigetreten war.

Eine Geschichte aus ihrer Studienzeit ist Seitz besonders im Gedächtnis geblieben: 2011 wurde bekannt, dass die ETH ihr Ökostrom-Abo aus finanziellen Gründen gekündigt hatte und nun hauptsächlich Atomstrom bezog. «Mir und meinen Studienkollegen aus der Umweltnaturwissenschaft standen die Haare zu Berge», sagt Seitz. Sie und einige Mitstudierende organisierten eine öffentliche Kampagne.

Es gelang ihnen, den damaligen ETH-Präsidenten Ralph Eichler zum Überdenken des Beschlusses zu bewegen. Die ETH definierte daraufhin ein umfassendes Energieleitbild, das die schrittweise Rückkehr zu erneuerbaren Energien einschloss. Seitz ist stolz auf diesen Erfolg: «Wir konnten mit der Kampagne unter Beweis stellen, was wir im Studium gelernt hatten.»

Neue Herausforderungen

2013 schloss sie das Studium mit dem Master ab. Anschliessend arbeitete sie für einige Zeit beim Verein Energie Zukunft Schweiz. Sie reiste durch die ganze Deutschschweiz, um Hausbesitzer in Energiefragen zu beraten. «Das war interessant, aber auch anstrengend», sagt sie. Da die Stelle befristet war, musste sie sich bald nach einer neuen Herausforderung umsehen. So kam sie zum Unispital Zürich. Die Arbeit reizte sie, weil sie ihr Wissen aus den Umweltnaturwissenschaften mit der Leidenschaft für die Feuerwehr kombinieren konnte. Damit hatte sie schon im Studium begonnen: In ihrer Bachelorarbeit hatte sie untersucht, welche Gefahren Feuerwehrleuten bei Einsätzen an Windkraft-, ­Solar- oder Biogasanlagen drohen können.

Die Zeit, die ihr neben Arbeit und freiwilliger Feuerwehr bleibt, verbringt sie gern gemütlich. Gemeinsam mit ihrer Partnerin geht sie mehrmals in der Woche schwimmen. «Das sind wichtige Momente für die Zweisamkeit», sagt Seitz. Wenn endlich einmal kein Pager klingelt und man in Ruhe reden kann. An den Wochenenden unternehmen sie kleinere Wanderungen in der Umgebung von Zürich. Grosse Gipfelbesteigungen braucht es für Seitz nicht: «Der Weg ist das Ziel.» Doch ganz so ruhig sind die gemeinsamen Unternehmungen nicht immer: Seitz’ Partnerin ist ebenfalls bei der Freiwilligen Feuerwehr Rümlang, sogar in derselben Alarmgruppe. Nicole Seitz findet das praktisch. «Bei einem Alarm können wir gleichzeitig aus dem Bett springen», lacht sie. Der nächste Einsatz lässt sicher nicht lange auf sich warten.

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