Tierversuche: Definition, Notwendigkeit und ethische Abwägungen

Was ist ein Tierversuch?
Die externe Seite Tierschutzgesetzgebung definiert, was in der Schweiz als Tierversuch gilt: Immer dann, wenn mit Hilfe von Tieren eine wissenschaftliche Frage beantwortet, ein Stoff geprüft oder die Wirkung einer Handlung am Tier festgestellt werden soll, so gilt dies als Tierversuch. Gleiches gilt, wenn Tiere für die Aus- und Weiterbildung genutzt und wenn genetisch veränderte Tiere erzeugt oder gezüchtet werden. Dabei ist es unerheblich, ob das Tier die Nutzung als solche wahrnimmt oder nicht. Neben den wohl bekanntesten Versuchen mit Labornagetieren gelten auch Beobachtungen an Wildtieren als Tierversuche, sofern Forschende damit eine wissenschaftliche Fragestellung untersuchen.
Ebenfalls als Tierversucht gilt es, wenn von Tieren Zellen, Organe oder Körperflüssigkeiten gewonnen werden, mit einer Ausnahme: Geschieht dies im Rahmen der landwirtschaftlichen Praxis, so ist das kein Tierversuch. Dies gilt auch für Nebenprodukte, die in der Landwirtschaft anfallen.
Der in der externe Seite Gesetzgebung geregelte Bereich der Tierversuche umfasst alle Wirbeltiere, Panzerkrebse und Kopffüsser (unter anderem Tintenfische) und dabei neben den geborenen auch zahlreiche ungeborene Entwicklungsstadien: Bei Säugetieren, Vögeln und Reptilien ist das letzte Drittel der Trächtigkeit beziehungsweise Brutdauer von der Gesetzgebung erfasst, bei Fischen und Amphibien alle Larvenstadien, die Futter aufnehmen. Alle Versuche mit diesen Tieren in diesen Entwicklungsstadien gelten also als Tierversuche. Diese werden in verschiedene Schweregrade eingeteilt und brauchen alle eine Bewilligung des kantonalen Veterinäramts.

Wozu braucht es Tierversuche?
Der Mensch und andere Tiere sind sich sehr ähnlich. Mit der Maus, dem am häufigsten verwendeten Versuchstier, teilt der Mensch ungefähr 95 Prozent seines Erbguts. Wo Gesetzgebung und ethisches Empfinden Versuche am Menschen verbieten, können Fragestellungen am Tier untersucht werden, um daraus Rückschlüsse auf den Menschen zu ermöglichen.
Ausserdem können die Tiere auch selbst im Fokus des wissenschaftlichen Interesses sein, zum Beispiel in der Veterinärmedizin oder der biologischen Grundlagenforschung.
Insgesamt gibt es eine Vielzahl an Forschungsgebieten, die zur Beantwortung ihrer Forschungsfragen unter anderem auf Tierversuche angewiesen sind:

Tierversuche spielen eine entscheidende Rolle bei medizinischen Durchbrüchen. Ein herausragendes Beispiel ist die Entwicklung von Impfstoffen, auch derjenigen gegen Covid-19. Diese Impfstoffe basieren auf jahrelanger Grundlagenforschung, welche zur Bewertung von Sicherheit, Wirksamkeit und Dosierung durch Tierversuche unterstützt wurde. Tiermodelle lieferten unersetzbare Erkenntnisse über die Immunantwort und mögliche Nebenwirkungen, beschleunigten die Entwicklung und den Einsatz der Impfstoffe und retteten dadurch letztendlich unzählige Leben weltweit.
Ein weiterer nennenswerter medizinischer Fortschritt, der auf Tierversuchen beruht, ist die Entdeckung und Verfeinerung der Insulintherapie bei Diabetes. Hunde spielten eine entscheidende Rolle in frühen Experimenten, die zur Entdeckung und Aufreinigung von Insulin führten. Nachfolgende Studien an anderen Tiermodellen, darunter Schweine und Mäuse, klärten die Funktion von Insulin weiter auf und ermöglichten die Herstellung von synthetischem Insulin für therapeutische Zwecke.
Darüber hinaus haben Tierversuche wesentlich zur Entwicklung der Organtransplantation beigetragen. Pionierarbeit an Hunden in der Mitte des 20. Jahrhunderts zeigte die Möglichkeit der Transplantation von Organen wie Nieren und Herzen auf. Diese Experimente lieferten entscheidende Erkenntnisse über Organabstossung und Immunsuppression und legten den Grundstein für die ersten erfolgreichen menschlichen Organtransplantationen. Heute ist die Organtransplantation ein Standardverfahren der medizinischen Praxis, das durch jahrzehntelange Forschung an Tiermodellen ermöglicht wurde.
Eine ausführlichere Übersicht und Erklärungen zu Tierversuchen, die weltweit medizinische Durchbrüche ermöglicht haben, findet sich auf der Webpräsenz von externe Seite Understanding Animal Research.
Weitere Webseiten zum Thema Tierversuche:
Wann ist es ein Tierversuch gerechtfertigt?
Antworten auf diese Frage sind zu einem guten Teil subjektiv. Entsprechend kontrovers wird sie diskutiert. Tierversuche werden anhand einer sogenannten Güterabwägung beurteilt. Dabei werden die Belastung der Tiere und der Erkenntnisgewinn in einem geplanten Tierversuch, gegeneinander abgewogen. Forschende, die Tierversuche durchführen möchten, müssen im Rahmen des Bewilligungsantrags eine solche Güterabwägung vornehmen und Argumente für ihre Sicht vorbringen. Relevante Punkte sind dabei etwa:
- Der Umfang des erwarteten Erkenntnisgewinns und dessen Relevanz für Forschung und Gesellschaft
- Der Umfang des verursachten Tierleids
- Die Unerlässlichkeit des Tierversuchs, beispielsweise aufgrund des Fehlens von alternativen Methoden
Solche Argumente schaffen eine Grundlage, auf die sich mehrere Personen einigen können, obwohl sie möglicherweise unterschiedliche Ansichten haben. Dennoch ist die Güterabwägung klar subjektiv geprägt, da die abgewogenen Güter schwer zu quantifizieren sind. Deshalb entscheidet über die Bewilligung belastender Tierversuche auch nicht eine einzelne Person, sondern die zuständige kantonale Tierversuchskommission. Ein Tierversuch wird als gerechtfertigt eingestuft, wenn der erwartete Erkenntnisgewinn höher gewichtet wird als das verursachte Tierleid.

Im April 2024 veranstaltete das externe Seite 3RCC in Zusammenarbeit mit der externe Seite ZHAW und der ETH Zürich die Tagung «Die Güterabwägung und das „unerlässliche Mass“ – Aus rechtlicher, biomedizinischer, regulatorischer und klinischer Sicht». Die Vorträge wurden im Band
«externe Seite Tierversuche in der Forschung: Herausforderungen und Chancen» publiziert.