«Nachhaltigkeit ist in unserer DNA!» Wirklich?
Nachhaltigkeit ist heute für Unternehmen ein zentrales Thema. Dennoch scheint es kaum Jobs für Nachhaltigkeitsexperten in der freien Wirtschaft zu geben. Ohne Expertenwissen können aber auch die ernsthaftesten Bemühungen der Konzerne ins Leere laufen.
Zunächst etwas Persönliches: Dies ist bis auf weiteres mein letzter Beitrag im ETH-Zukunftsblog. Nach meinem Doktorat in Umweltökonomie werde ich die ETH Zürich in Richtung Privatwirtschaft verlassen. Dieser Beitrag ist von dem Limbo zwischen den Welten inspiriert - von einer Jobmesse.
Nachdem ich mich an der ETH mit Landnutzungsfragen beschäftigt habe, sind für mich grosse Lebensmittelkonzerne als Arbeitgeber besonders interessant. Deshalb besuchte ich kürzlich ein Podium mit vier multinationalen Unternehmen auf einer Jobmesse in Zürich. Dabei spielte sich folgende Szene ab: Die erste Frage aus dem Publikum betraf die Rolle der Nachhaltigkeit in den Firmen. Daraufhin versicherten sämtliche Firmenvertreter wie wichtig und zentral dieses Thema sei, ein Manager sprach sogar davon die Nachhaltigkeit sei «in unserer DNA». Ich verfolge die globale Career-Seite dieses Unternehmens mit über 100‘000 Angestellten nun schon eine Weile. So nutzte ich die Gelegenheit zum Nachhaken: Ich wollte wissen wie es denn komme, dass während etwa neun Monaten kein einziger Job mit einem Nachhaltigkeitsprofil ausgeschrieben war.
Die Antwort (sinngemäss): Nachhaltigkeit sei ein bereichsübergreifendes Thema, weshalb man keine Spezialisten gebrauchen könne. Diese Schlussfolgerung hat mich verwundert: Auch Rechtsabteilung und Buchhaltung arbeiten bereichsübergreifend, aber es käme wohl niemand auf die Idee, deshalb dafür keine Experten, sprich Juristinnen und Buchhalter, einzustellen. Wenn es den Unternehmen ernst ist mit der Nachhaltigkeit, brauchen sie auch hierfür echte Expertise.
Grün ist nicht gleich grün
Während meines Doktorats habe ich mich auf tropische Abholzung spezialisiert und möchte daher ein Beispiel aus diesem Bereich bringen. Lebensmittelkonzerne sind in der Regel Grosseinkäufer von Palmöl, und viele Grossunternehmen haben heute das Ziel «100-Prozent nachhaltiges» Palmöl zu verwenden. Dafür setzen derzeit die meisten auf sogenannte «Green Palm»-Zertifikate.
Nachdem Palmölplantagen einmal angelegt sind, produzieren sie für viele Jahrzehnte hohe Erträge. Die lokalen Umweltauswirkungen sind dabei vergleichbar mit denen anderer Monokulturen. Das eigentliche Umweltproblem ist daher nicht die Produktion des Öls an sich sondern die Zunahme der Plantagenfläche von circa 5 Prozent pro Jahr auf Kosten von tropischen Regenwäldern. Ein Nachhaltigkeits-Zertifikat sollte also zum Ziel haben, effektiv gegen die fortschreitende Abholzung zu wirken.
«Green Palm» geht auf den ersten Blick in die richtige Richtung: Es zertifiziert «nachhaltig» produziertes Palmöl; das heisst unter anderem, dass es nicht von Plantagen stammen darf, auf denen 2005 noch Regenwald stand. Alle davor gerodeten Flächen sind für das Zertifikat zulässig.
Auf den zweiten Blick entpuppt sich das Zertifikat allerdings als wenig wirksam, und zwar durch etwas, das Umweltökonomen als «Re-Shuffeling Effekt» bezeichnen: Gäbe es das Zertifikat nicht, würden alle Palmölkonsumenten einen kleinen Anteil Öl von frisch gerodeten Flächen und einen grossen Teil von alten Plantagen kaufen. Wenn nun einige wenige Grossunternehmen ausschliesslich «Green Palm»-zertifiziertes Öl von alten Plantagen kaufen, landet einfach etwas mehr Öl von frisch gerodeten Flächen bei allen anderen Abnehmern (siehe Grafik). Die Verteilung auf die Konsumentengruppen ändert sich, die Zusammensetzung des Gesamtmarkts bleibt gleich und es wird kein Hektar weniger abgeholzt.
Alternativen zu unwirksamen Zertifikaten
Wirklich nachhaltiges Palmöl müsste bei der Zunahme der Gesamtproduktion ansetzen, zum Beispiel durch Intensivierung der Palmöl-Produktion durch kleinbäuerliche Betriebe und durch Re-Kultivierung von Brachflächen. Für beides gibt es Projekte, die aber auf finanzielle Hilfe angewiesen sind. Wollen Unternehmen diese Projekte mit dem Kauf des so produzierten Palmöls unterstützen, sind die Mehrkosten jedoch deutlich höher als bei «Green Palm»-zertifiziertem Öl – dort betragen die Mehrkosten gerademal knapp 1 Prozent. Dennoch wäre es sinnvoller, zumindest einen Teil des gesamten Palmöls auf nachhaltige Quellen umzustellen anstatt die gleiche Summe für ineffektive Zertifikate auszugeben.
Die «Green Palm»-Zertifikaten sind nur ein Beispiel für die vielen Stolpersteine, die Grossunternehmen erkennen und meiden müssen, um tatsächlich und effektiv nachhaltig zu handeln. Zertifikate wie dieses klingen erstmal gut, aber helfen nicht unbedingt, das eigentliche Nachhaltigkeits-Problem zu lösen. Jedes Jahr schliessen über 100 junge Expertinnen und Experten ihr Studium an der ETH ab. Sie sind ausgebildet, solche Tücken zu erkennen und wirksame Massnahmen zu entwickeln. Und sie brennen darauf, Unternehmen dabei zu helfen die Worthülse «Nachhaltigkeit» mit Inhalt zu füllen.
Kommentare
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Ja, von Nachhaltigkeit sprechen ist einfach, nachhaltig handeln dagegen schwierig. Es gibt viele Aspekte zu berücksichtigen und was aus einer Sicht nachhaltig ist, kann aus anderer Sicht überhaupt nicht nachhaltig sein. Landnutzungsänderungen beispielsweise wie die Rodung von Urwald zum Zwecke des Anbaus von beispielsweise Palmöl könnte als nachhaltig aufgefasst werden, falls die so gewonnene Nutzfläche über einen sehr langen Zeitraum sinnvoll genutzt würde und es sowieso absehbar ist, dass ein Teil des Urwalds den menschenlichen Bedürfnissen weichen muss. Jemand anders kann das aber ganz anders sehen, vor allem wenn er andere Annahmen über die zukünftige Entwicklung macht. Gratulation noch zum Ergattern einer der wenigen Stellen, die Nachhaltigkeit als Kompetenzschwerpunkt haben.
Palmöl scheint mir sehr gut als Speisefett und überhaupt Nahrungsmittelzusatz geeignet (z.B. in Backwaren). Palmöl aber auch als Treibstoff zu nutzen erscheint mir geradezu absurd. Denn es bräuchte gewaltige Anbaugebiete um auch nur einen kleinen Teil der verbrauchten Treibstoffe durch Biotreibstoffe zu ersetzen. Wenn der Anbau von Biotreibstoff durch Grüne, oft auch "Klimaschützer" gerechtfertigt wird, öffnen sich zudem Abgründe. Denn die gleichen Leute sprechen oft davon, die Ernährung der zukünftigen Bevölkerung sei gefährdet, gefährdet durch das Bevölkerungswachstum und den Klimawandel. In dieser Situation den Anbau von Biotreibstoffen zu fordern und zu fördern, geht irgendwie nicht auf, denn entweder stimmt die Behauptung, es gäbe zuwenig Ackerfläche einfach nicht, oder aber Treibstoffe werden als wichtiger als die Ernährung betrachtet.
"Nutzfläche über einen sehr langen Zeitraum sinnvoll genutzt würde und es sowieso absehbar ist, dass ein Teil des Urwalds den menschlichen Bedürfnissen weichen muss. " Ölpalmen-Plantagen sind noch aus anderen Gründen problematisch: z.B. hier http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/palmoel.htmcall_made Die meisten Orang-Utans in Indonesien werden auf Ölpalmen-Plantagen abgeschossen, gefangen oder verstümmelt. Warum auf Ölpalmen-Plantagen? Weil ihr natürlicher Lebensraum abgeholzt wird, sind sie gezwungen, bei der Suche nach Nahrung auf die Plantagen auszuweichen. Dort sind die friedlichen "Waldmenschen" leichte Beute für Jäger und Wilderer!
Ärgerlich ist nur, wenn behauptet & vermutlich sogar geglaubt wird, dass eine Handlung den Urwald schützt, sie im Endeffekt aber Null Effekt darauf hat. In der Rhetorik rund um den RSPO wird immer wieder betont, dass Deforestation ganz schlimm ist und Green Palm das Problem löst, da ja nur Plantagen, die nicht kürzlich deforestet haben, zertifiziert werden. Wie nachhaltig die Rodung von Urwald für Palmöl ist, ist eine andere Frage und kaum jemand ausser Ihnen traut sich öffentlich zu sagen, dass es durchaus so sein könnte... :-)