Bar, Plastik oder Krypto?

Der erste Hype um Bitcoin & Co. hat sich gelegt. Für Roger Wattenhofer ein günstiger Moment für einige grundsätzliche Gedanken über Kryptowährungen – und wie wir in Zukunft bezahlen.

Roger Wattenhofer

Heute bezahlen wir entweder mit Bankkonten und Münzen oder mit «Plastikgeld» wie Debit- und Kreditkarten. Dazu kommt rein digitales «Appgeld», zum Beispiel Alipay oder Twint. Appgeld ist eine moderne Form von Plastikgeld, konzeptuell und technisch ähnlich – die Plastikkarte ist einfach direkt im Smartphone integriert. Apps werden Plastik wohl mittelfristig verdrängen; die physische Karte wird man dann nur noch brauchen, wenn die Smartphone-Batterie mal wieder leer ist.

In den meisten Ländern sind Plastik und Apps als Bezahlmethoden verbreitet und akzeptiert. In der Schweiz wird immer noch meistens mit Bargeld bezahlt, in China fast nur noch per App. Die Bezahlapp WeChat Pay hat bereits mehr Kunden als Visa und Mastercard zusammen.1

Mit dem Mobiltelefon bezahlen.
Bares hat gegenüber Plastik-, App- und Kryptogeld einen entscheidenden Vorteil: Man kann damit auch ohne Internet und Strom bezahlen. (Bild: iStock / altmodern)

Nebst diesen bekannten und etablierten Bezahlarten kommt neu das Kryptogeld ins Spiel. Obwohl beispielsweise der grösste Schweizer Onlinehändler Digitec/Galaxus seit kurzem auch zehn Kryptowährungen akzeptiert, ist deren Verbreitung nach wie vor verschwindend klein und wirtschaftlich wohl vernachlässigbar. Trotzdem lohnt es sich, sich mit Kryptogeld eingehender zu beschäftigen als interessante weitere Bezahlvariante.

Ohne Finanzdienstleister

Bargeld hat unbestritten grosse Vorteile, weil es konzeptuell einfach und leicht verständlich ist. Noch wichtiger ist allerdings, dass Bargeld auch «offline» funktioniert: Ohne Strom, ohne Internet, ohne Computer. Im bald bargeldfreien Schweden wäre ein längerer Unterbruch der Strom- oder Netz-Infrastruktur wohl ziemlich problematisch.

Krypto- und Bargeld haben mehr gemeinsam als man im Allgemeinen denkt. Beides funktioniert insbesondere auch ohne Finanzdienstleister. Beim Kryptogeld generiert man sein Konto einfach selber, ganz autonom – man berechnet und speichert Kontonummer und Kontoschlüssel, und los geht’s.

«Bargeld ist teurer, als man denkt.»Roger Wattenhofer

Da Kryptogeld auch ohne Finanzdienstleister funktioniert, sind die Gebühren verhandelbar, und dank mitunter an der ETH entwickelten Ansätzen2 künftig günstig skalierbar. Ebenso ist die Privatsphäre geschützt. Es gibt Kryptowährungen wie Zcash, die so anonym wie Bargeld sind. Ausserdem muss man sich bei Krypto- und Bargeld nicht sorgen, dass der Finanzdienstleister konkurs geht, weil man das Geld ja selber besitzt. Es ist daher auch einfach, seine Transaktionen nicht zu versteuern.

Ein Blick auf Kosten und Sicherheit

Bargeld ist teurer, als man denkt. Wenn man die Zahlen der Bank of America extrapoliert3, kostet die Lagerung und der Transport von Bargeld weltweit zig Milliarden. Und auch die Herstellungskosten von Bargeld sind nicht zu unterschätzen – die Schweiz leistet sich die teuersten Banknoten der Welt, eine Schweizer Banknote kostet etwa so viel wie drei bis sechs Euronoten, je nach Grösse des Scheins. Sobald Kunden diese Kosten übernehmen müssten, würde die Beliebtheit von Bargeld sicher abnehmen.

Appgeld und Kryptogeld dagegen sind billig in Herstellung und Anwendung. Die hohen Energiekosten, die beim Mining von Kryptowährungen der ersten Generation entstehen, lassen sich mit alternativen Techniken wie Proof-of-Stake4 komplett vermeiden.

Bargeld ist nicht frei von Risiken, da es gefälscht werden kann. Mit dem Rückgang von Bargeld ist in Schweden auch die Zahl der Diebstähle dramatisch gesunken – und die damit verbundenen sozialen Kosten. Aber auch beim Kryptogeld muss man den Schlüssel zum Geld gut schützen. Diebe werden zunehmend «digital» und wahrscheinlich auch immer besser organisiert.

Die Zukunft des Zahlens

Die hohen Bargeldkosten werden wohl mittelfristig auf die Kunden abgewälzt. Ich vermute, man wird beim Bezahlen per App immer einen kleinen Preisnachlass erhalten. Damit wird die Popularität des Bargelds bei uns wohl abnehmen. Länder wie China und Schweden zeigen, dass es auch ohne Bargeld geht – solange Strom und Internet funktionieren! Für Notfälle braucht es aber eine Form von Geld, die unabhängig von Infrastruktur und spezifischen Finanzdienstleistern ist.

Kryptogeld bietet hier einen interessanten Ansatz, sofern es gelingt, Transaktionen wenigstens in Ausnahmefällen ohne Internet durchzuführen. Und wahrscheinlich bringt uns die Erforschung von Kryptogeld auch beim Plastik- und Appgeld weiter. In Zukunft werden wir wohl auch Mischformen sehen: Man besitzt zum Beispiel Kryptogeld, das man durch Finanzdienstleister zusätzlich absichert.

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3 Kommentare

  • Toni Dubs17.06.2019 17:07

    "eine Schweizer Banknote kostet etwa so viel wie drei bis sechs Euronoten, je nach Grösse des Scheins" - sie kostet etwa 40 Rappen, und die sollen jetzt tatsaechlich als Argument herhalten?

     
       
    • Roland Alton16.06.2019 18:35

      Tatsächlich sollte es darum gehen, die Transaktionskosten (im volkswirtschaftlichen Sinne) im Handel zu reduzieren. Im Vergleich mit Banknoten und Kartengeld würde Kryptogeld hierbei sehr gut abschneiden. Mit Paper Wallets können Beträge auch offline gespeichert werden. Der "Proof-of-Cooperation" Mechanimus für FairChains benötigt übrigens noch weniger Energie, da gibt es zahlreiche Ansätze. Und ja, es bräuchte eigentlich eine Globalwährung: TERRA war ein Konzept des kürzlich verstorbenen Geldtheoretikers Bernard Lietaer, das den Dollar als Leitwährung ablösen sollte aber leider nie Schwung erzielt hatte.

       
         
      • Max Blatter05.06.2019 18:57

        Ich bin kein Ökonome; Professor Wattenhofer wohl auch nicht. Aber mein naturwissenschaftlich-technischer Verstand schreit danach, zwei Begriffe klar zu unterscheiden: nämlich "Währung" und "Zahlungsmittel". Für mich ähnlich wie "Einheit" und "Messinstrument" in der Physik! Nehmen wir das Beispiel der Länge: Manchmal ist ein Gliedermaßstab dafür das geeignete Messinstrument, manchmal ein Theodolit plus Messlatte, manchmal ein Laser-Entfernungsmesser. Dem entsprechen die verschiedenen Zahlungsmittel: das Bargeld, die Debit- oder Kreditkarte, die App. Einheit für die Länge ist das Meter, aber da komplizieren die Amis die Dinge mit ihren Inches, Feet, Yards, Miles und was es sonst noch gibt. Wenigstens entspricht ein Inch für immer und ewig genau 25.4 mm; wäre der Umrechnungsfaktor variabel, wäre das Chaos perfekt. Genau das machen aber die Ökonomen mit ihren Währungen: Sie unterwerfen sie geradezu chaotischen Kursschwankungen! Schweizerfranken, Euro, US-Dollar, Kanadischer Dollar, Australischer Dollar, Britisches Pfund, Japanischer Yen... Warum nicht eine klar definierte Einheitswährung? Einen Namen hätte ich schon dafür: 1 Glomon à 100 Glomon Cent (für "GLObal MONetary unit). Aber nein: Statt dessen will man uns zusätzlich noch Krypto-Währungen aufzwingen. Danke, ohne mich!