Mann der tausend Ideen
Philippe Kahn hat an der ETH Zürich Mathematik studiert und ist in jungen Jahren ins Silicon Valley gezogen. Mit seinen Erfindungen veränderte er die Welt – und er verändert sie bis heute.
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Philippe Kahn lebt seit dreissig Jahren im kalifornischen Santa Cruz, wo er vier erfolgreiche Firmen gründete, Segeln lernte, die Frau seines Lebens fand und Ideen verwirklichte, die unser aller Leben prägen. Von seiner Kreativität und seinem Schaffensdrang zeugen 350 Patente, die der heute 72-Jährige im Lauf seiner Karriere anmeldete. Auf die Frage, welche seiner Patente ihm am meisten am Herzen liegen, sagt er: «Das sind alles meine ‹Kinder›. Ich habe an jedem einzelnen von ihnen gearbeitet und liebe sie alle.»
Weltweit Bekanntheit erlangte der ETH-Alumnus als Erfinder der Handykamera. Das war im Jahr 1997, als seine Tochter Sophie auf die Welt kam. Um seine Freude mit seinen Freunden und Verwandten zu teilen, publizierte er ein Bild der Neugeborenen, indem er eine Digitalkamera mit einem Mobiltelefon und einer Software-Sharing-Plattform kombinierte. PictureMail nannte er die Erfindung. Damit schuf er die Möglichkeit, Fotos sofort zu versenden und er veränderte die Welt nachhaltig, wenn wir daran denken, wie Instagram und Co. unser Leben prägen.
Älteren Semestern unter uns, vor allem innerhalb der Informatik-Community, dürfte Kahn auch als Gründer seiner ersten Firma bekannt sein: Borland. Sie war in den 1980er-Jahren eine treibende Kraft in der Software-Entwicklung und lieferte revolutionäre Tools wie Turbo Pascal. Diese erschwinglichen und zugänglichen integrierten Entwicklungsumgebungen demokratisierten die Programmierung und ermöglichten einer neuen Generation von Software-Entwicklerinnen und -Entwicklern den Einstieg in die Branche.
Zur Person
Philippe Kahn ist CEO von Fullpower Technologies. In Paris aufgewachsen, studierte er an der ETH Zürich Mathematik und am Konservatorium Zürich Musikwissenschaften und klassische Flöte. Kahn zog in jungen Jahren ins Silicon Valley, wo er vier erfolgreiche Firmen gründete und über 350 Patente anmeldete, darunter jenes für die Handykamera.
Aus Begegnungen werden Ideen
Die Expertise dafür erarbeitete sich Kahn unter anderem an der ETH Zürich, wo er in den 1970er-Jahren Mathematik studierte. Da machte er Bekanntschaft mit Niklaus Wirth, ETH-Professor und Entwickler der Programmiersprache Pascal. «Niklaus hat mich vom ersten Moment an beeindruckt, und es entstand eine Beziehung, die über vierzig Jahre dauerte, bis zu seinem Tod im letzten Jahr», sagt Kahn. Es war diese Art von Begegnungen und Beziehungen, die ihn zu Ideen wie Turbo Pascal inspirierte, die ihrer Zeit meist eine Dekade voraus waren.
Was hat Philippe Kahn sonst von der ETH mitgenommen? «Neben dem analytischen Denken vor allem wunderbare Erinnerungen», sagt der gebürtige Pariser. Zürich sei für ihn eine völlig neue Erfahrung gewesen: ein anderes Land, eine andere Sprache, eine Stadt am See in der Nähe der Berge. «Und dann war da der Geist von Albert Einstein, der durch dieses wunderbare ETH-Gebäude streift», erinnert er sich.
«Ausserdem gab es in Zürich eine sehr lebendige Musikszene», schwärmt der passionierte Musiker, der gleichzeitig zum Mathematikstudium an der Musikhochschule Zürich einen Master in Musikwissenschaft, Komposition und klassischer Flöte erwarb. «Die Wissenschaft hat mich schon immer interessiert, und die Liebe zur Musik habe ich von meiner Mutter geerbt, einer professionellen Konzertgeigerin», sagt Kahn zu seinen vielseitigen Interessen.
Anfänge im Silicon Valley
Nachdem er seine Studien abgeschlossen hatte, unterrichtete er Mathematik an der Universität Nizza. Doch das erfüllte den Tüftler und Denker nicht. Es zog ihn ins Silicon Valley, wo die Techszene aufkeimte. In den USA hatte allerdings niemand auf ihn gewartet. Er hatte keine Arbeitsgenehmigung und produzierte zunächst Druckerkabel für einen Computerladen – eine Tätigkeit, die kaum zum Leben reichte.
Später arbeitete er mit verschiedenen Hard- und Software-Unternehmen, darunter HP und LG, in selbstständiger Beratungsfunktion zusammen. So machte er Bekanntschaft mit drei dänischen Jungunternehmern, mit denen er 1983 Borland Inc. gründete.
Kahn wurde Vorsitzender, Präsident und CEO von Borland und führte die Firma mit Software-Produkten wie Turbo Pascal, Turbo C++, Prolog, Sidekick und Paradox zu grossem Erfolg. Mitte der 1990er-Jahre war Borland das drittgrösste Software-Unternehmen der Welt mit 4000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von einer halben Milliarde US-Dollar. Wie weiter? Über diese Frage konnten sich Kahn und der Aufsichtsrat nicht einigen. So gründete er 1994 zusammen mit seiner künftigen Ehefrau Sonia Lee Starfish Software, eine Art Spin-off-Firma von Borland mit neuen Ideen. Borland verliess er ein Jahr später.
Starfish entwickelte unter anderem das erste drahtlose Synchronisierungssystem. Bereits drei Jahre nach der Gründung verkauften Kahn und Lee die Firma an Motorola. «Wenn man Technologie schafft, wünscht man sich, dass sie weitgehende Verwendung findet», sagt Kahn. Motorola sei dafür das perfekte Unternehmen gewesen.
Die eingangs erwähnte Handykamera war die Gründungsvision für LightSurf. Die Firma wurde zum weltweiten Vorreiter im Bereich Multimedia, indem sie ihre Technologien für das drahtlose Teilen von Bildern in Echtzeit an führende Telefonhersteller lizenzierte. Das Unternehmen wurde 2005 von Verisign gekauft. So ermöglichte das Ehepaar einmal mehr die breite Anwendung einer bahnbrechenden Technologie. Zum Zeitpunkt des Verkaufs von LightSurf war Kahn bereits voll von seinem neuen Unternehmen absorbiert, das er 2003 ebenfalls zusammen mit seiner Ehefrau gründete: Fullpower. Die Firma entwickelt Technologien, die in Computergames, in Autonavigationssystemen, in Fitnessbändern und beinahe in jedem Mobiltelefon Verwendung finden.

Mit Fullpower neu durchstarten
Die Inspiration für eine der wichtigsten Technologien kam von Philippe Kahns Leidenschaft für das Segeln. «Eine der grössten Herausforderungen bei langen Segeltouren ist der Schlaf», sagt er. Um die Segelzeit zu maximieren und aus der Schlafzeit den grössten Nutzen zu ziehen, entwickelte Kahn Prototypen von KI-Schlaf-Trackern mit Biosensoren, die 26-minütige Nickerchen optimierten. Damit war der Grundstein für das Schlafüberwachungssystem Sleeptracker-AI gelegt. Es sammelt, in Millionen Matratzen integriert, Daten über den Schlaf.
«Sleeptracker-AI kann zwei Personen gleichzeitig überwachen und gibt ihnen personalisierte Tipps zur Verbesserung des Schlafs», erklärt Kahn die neueste Technologie. Dank KI kann sie Verbesserungen gleich selbst einleiten. So erkennt das cloudbasierte System etwa über Sensoren, wenn jemand schnarcht, und das Bett kann die Kopfposition der schlafenden Person geräuschlos anpassen.
Vernetzt mit führenden Köpfen
Auf die Frage, ob er mit seinen Firmen auch Kooperationen mit Universitäten eingeht, reagiert Kahn mit Verwunderung: «Ich führe meine Unternehmen immer wie eine Forschungsuniversität.» Die meisten Entwicklungen würden sie selbst erarbeiten. Aber wenn es eine Aufgabenstellung erfordere, kooperierten sie mit führenden Universitäten, bei Fullpower etwa mit der Stanford University und der UC San Francisco.
Kahn arbeitet mit renommierten Forschenden nicht nur eng zusammen. «Ich habe das grosse Glück, Freunde zu haben, die Koryphäen auf ihrem Gebiet sind», sagt er. Neben Niklaus Wirth nennt er auch Marvin Minsky, Gründer des AI Labs am MIT, der mit Kollegen den Begriff der künstlichen Intelligenz prägte und deren zentralen Merkmale beschrieb, und Alan Kay, einen Pionier in den Bereichen der objektorientierten Programmierung, Smalltalk und Squeak. Auch Joseph Weizenbaum, ein Vorreiter der KI, Bjarne Stroustrup, der Entwickler der Programmiersprache C++, und Turing-Preisträger Yann LeCun zählen zu seinem Freundeskreis.
«Bei Technologien und Konzepten, die von Bedeutung sind, möchte ich an vorderster Front mitwirken», sagt er von sich. In dieser Hinsicht sei er ziemlich besessen. Mit seinen Freunden kann sich Philippe Kahn über Themen austauschen, die oft erst Jahre später ins öffentliche Bewusstsein treten. «Tagesaktuelle Nachrichten sind für mich nicht so wichtig, es geht mir um die grundlegenden Prinzipien.»
«Globe» Vertraust du mir?

Dieser Text ist in der Ausgabe 25/01 des ETH-Magazins Globe erschienen.
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